Karl-Heinz Erkelenz baute binnen drei Jahren das wohl größte Holzleistenkanu Europas. Ein gigantisches Projekt, mit 5.000 Stunden Arbeit, drei verschlissenen Kreissägenblätter und einem Materialaufwand von 15.000 Euro. Was treibt einen Menschen an, einen XXXL-Kanadier zu bauen?
Es war so etwas wie eine Initialzündung die Karl-Heinz Erkelenz an der Donau in Weltenburg erlebte. Auf der Kiesbank traf er einen Paddler mit einem wunderschönen Holzkanadier made by Wenonah. Der gab Karl-Heinz eine Abfuhr, als wäre er mit seinem Plastik-Kanu ein Aussätziger. Er wollte keines falls mit seinem Holzboot mit einem Plastikboot gesehen werden.
"So ein Depp!" Erkelenz war sauer auf den Typen, so viel Arroganz und das unter Paddlern!
Doch dies war das entscheidende Schlüsselerlebnis. Karl-Heinz besorgte sich die Bootsbaubibel für Anfänger von Ted Moore: "Canoecraft: An Illustrated Guide to Fine Woodstrip Construction". Das war vor 15 Jahren.
Die Liebe zum Kajaksport begann allerdings schon viel früher. Vor 40 Jahren saß Karl-Heinz Erkelenz zum ersten Mal in einem Kajak, in einem Faltboot, und paddelte die Donau. Nur eine Woche später stand sein erstes eigenes Kanu in der Garage.
Und dann eben dieses Schlüsselerlebnis. Der Maschinen- bautechniker baute sein erstes 2er-Kanu und immer mehr Freunde wollten an seinen Kanutouren mit teilnehmen. So entwickelte sich mit der Zeit der Gedanke, etwas mehr zu machen, als auf dem Markt angeboten wird.
Dr. Wolfgang Friedl, der Kanubauexperte aus Wien, versorgte ihn mit einem Bauplan für ein Zehnerkanu. Zwei Stück fertigte Karl-Heinz Erkelenz. Doch es geht noch mehr. Ein ganz besonderes Unikat, etwas einmaliges, etwas noch größeres.
Die nächste Abfuhr ließ nicht lange auf sich warten. Dr. Wolfgang Friedl riet Karl-Heinz Erkelenz ab, sich an einen 20er zu wagen. Doch das weckte erst Recht seinen Ergeiz.
Aus der Idee wurde eine Skizze und aus der Skizze ein Bauplan mit gigantischen Dimensionen: Zwölf Meter lang, 1,90 Meter breit und eine Steven Höhe von 1,5 Meter sollte der 20-Sitzer werden.
Erkelenz steht auch ganz offen dazu: "Für ein solches Projekt musst du verrückt sein". "Doch wenn das Material gekauft ist, kannst du nicht mehr aufhören." Jede Stunde der freien Zeit und 15.000 Euro wurden investiert.
Zum Bau eines 12 Meter Kanus werden Leisten von 12,6 Meter Länge benötigt. Die gibt es nirgends zu kaufen. Insgesamt mussten 120 Leisten in stundenlanger filigraner Handarbeit mit dem Hobel angeschrägt werden, damit Klebestellen entstehen, die lang genug sind, um die kurzen Leisten zu einer langen Leiste zu verkleben.
Oder zum Bau der Bugspitzen verleimte Karl-Heinz 19 Leisten miteinander. Am meisten im Gedächtnis bleiben die 100ten von Stunden Schleif- arbeit. Zuerst innen und dann außen. Zuerst mit groben Papier, dann mit immer feinerem und nach dem Lackieren nochmals. Bei einem Zwölf Meter langem Kanu sind das pro Arbeitsgang 50 Quadratmeter die mehrmals geschliffen werden müssen. Eine Sysifusarbeit!
Und zum Schluss galt es das XXXL-Kanu noch mit 96 Spanten auszubauen, um die gewünschte Festigkeit und Verwindungssteifig- keit zu erreichen. Jede der 96 Eichenspanten wurde einzeln unter Dampf gebogen.
Beim Holz wählte der passionierte Bootsbauer für den Rumpf Lärche, für die Balkweger Mahagoni und die Decks vorne und hinten bestehen aus Afrikanischem Rosenholz. Das extrem harte und schwere Rosenholz hält die auftretenden Stöße und Schwingungen am besten aus. Karl-Heinz Erkelenz achtete selbstverständlich darauf, dass diese Hölzer aus nachhaltigem und zertifizierten Anbau stammen.
Ebenso wurden alle 20 Sitze von Hand geflochten. Wenn Karl-Heinz heute auf den Bau zurückblickt, sagt er: "Mit diesem Kanu habe ich mich selbst verwirklicht."
Der eine oder andere Gang zum Baumarkt war vorprogrammiert. Ein solches Projekt frisst nicht nur 3.000 Arbeitsstunden, sondern auch jede Menge Verschleißmaterial. Die Liste ist lang: 3 Kreissägeblätter, 2 Bandsägeblätter, 2 japanische Zugsägen, 1 Oberfräse, 1 Exzenterschleifer, 4 Schleifteller, 20 Staubsaugerbeutel, 200 Blatt Schleifpapier, 10 Hobelmesser, 5 Schraubzwingen, 50 Schaumstoffrollen, 50 Schaumstoffpinsel, 100 Plastikbecher, 20 Farbrollwannen, 20 ltr. Aceton-Reiniger, 3 Atemmasken mit Filter, 18 qm Spanplatte (19 mm) und ungezählte Schrauben zum Helling-Aufbau, Bohrer und Bits usw. usw.
Das handwerkliche Geschick zum Bootsbau entwickelte sich bei Erkelenz mit der Zeit, also von da an, als er seinen ersten Zweier baute. "Ich bin halt eher der handwerkliche Typ, und vor allem habe ich Spaß am Bootsbau und am paddeln."
Um das fertige Kanu aus der Werkstatt zu heben, waren zehn Helfer notwendig. 300 Kilo bringt das Boot auf die Waage und bietet eine Zuladung von vier Tonnen. Dann bleibt noch ein Freibord von 30 Zentimeter. So bekam das Kanuunikat auch die TÜV-Zulassung für gewerbliche Gemeinschaftsfahrten.
Zum Fluss wird das Kanu mit einem Spezialtrailer gefahren. Diese Extraanfertigung aus Edelstahl verschlang noch mal rund 6.000 Euro.
Heute befindet sich das Kanu im Besitz von Michael Fröhler, dem Erlebnismax aus Hinterzhof bei Laaber, direkt an der BAB A 3 in der Oberpfalz. Hier kann das Riesenkanu von Firmen, Vereinen oder Gesellschaften für Fahrten auf der Donau oder dem Altmühlkanal gebucht werden. Ein einzigartiges Gruppenerlebnis.
Ob Karl-Heinz Erkelenz nochmals ein solches Boot bauen würde? Der Vorruheständler lacht und erinnert sich mit einer Geste aus abwinken und Kopfschütteln an die unzähligen Stunden, die er mit Schleifpapier verbrachte.
Doch ganz untätig kann Karl-Heinz nicht sein. Er hat eine neue Leidenschaft für sich entdeckt: Den Bau von einzigartigen Stechpaddeln, aus Materialien, wie sie die Natur zur Verfügung stellt. Jedes Paddel ein ganz persönliches Unikat für sich.
Fotos: Johann Warth
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